Über maskierende Hunde und scheinbar nicht veränderbares Problemverhalten
Oder: Warum Schmerzen beim Hund nicht immer so leicht erkennbar sind.
Mit diesem Blogartikel möchte ich aufzeigen, was Schmerzen beim Hund anrichten können UND wie gut Hunde maskieren, sodass die gesundheitliche Komponente oft viel zu schnell vom Tisch gefegt wird…
- Filou (portugisischer Wasserhund, 2 Jahre)
- Problemsituation: extreme Rastlosigkeit zuhause sowie Hundebegegnungen
- Hauptbezugsperson ist die Besitzerin
Die Anamnese kurz und knapp
Laut Aussagen der Besitzerin lege sich Filou sich zuhause immer nur kurz hin, laufe dann aber recht schnell wieder auf und ab. Zusätzlich fordere er von der Besitzerin ständige Aufmerksamkeit. Ist Frauli im Gegensatz zur restlichen Familie (erwachsene Kinder und Ehemann) nicht zuhause, zeige Filou dieses Verhalten kaum. In den kurzen Ruhemomenten, neige Filou seit einiger Zeit zum Wundschlecken seiner Pfoten und Dauerhecheln.
Draußen sei Filou übertrieben aufgeregt, obwohl weit und breit keine bewegten Reize vorhanden seien. Bei kleinsten Reizen sei Filou schnell überfordert, neige zum extremen Leineziehen. Gemächliches Gehen schaffe der Rüde überhaupt nicht, wechsle recht schnell wieder in den Galopp. Diese Problematik bestehe bereits seit Welpenalter. Bei Hundebegegnungen reagiere Filou seit einigen Monaten mit heftigem in die Leine springen, Gebell und Geknurre. Sei dann auch nach der Situation nicht mehr ansprechbar und könne sich nur schwer beruhigen. Der Spaziergang sei durch sein Verhalten nur mehr eine Belastung für beide Seiten.
Die Besitzerin habe schon mehrere Trainer aufgesucht, meist immer im Gruppensetting. Hier sei Filou bis zu einem kleinen Zwischenfall allerdings völlig unauffällig. Seit dem Zwischenfall in der Gruppenstunde, bei dem ein Hund auf Filou gestürmt und ihn hinten draufgesprungen sei, sei Filou auch in der Gruppe sehr gestresst und könne sich nicht mehr auf das eigentliche Thema konzentrieren. In fremder Umgebung zeige sich Filou immer sehr zurückhaltend, gehe an lockerer Leine, nahe seiner Besitzerin.
Die Besitzerin habe seit geraumer Zeit stark den Verdacht, dass gesundheitliche Probleme der Grund für Filous Verhalten seien. Tierärztliche Durchuntersuchungen inkl. Labor zeigen allerdings keine Auffälligkeiten.

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Das Hundetraining
Durch eine ausführliche Anamnese, die zu Beginn der Hundeverhaltensberatung immer stattfindet, konnte ich mir ein gutes Bild machen und erste Ideen sammeln, was zum Filous Verhalten beigetragen haben könnte. Nachdem der Rüde aufgrund der Beschreibung der Besitzerin sich sichtlich im Dauerstress befand, haben wir als erste Maßnahmen ein Antistressprogramm gestartet und zugleich den Alltag adaptiert. In weiterer Instanz konzentrierten wir uns darauf, vor allem ruhiges Verhalten bei Filou zu fördern, indem er genau dann Aufmerksamkeit oder eine Alternativbelohnung bekommt, wenn er zumindest kurzfristig entspannte Verhaltensweisen zeigte. Das war jedoch verdammt schwer, da diese Phasen teils wirklich nur Sekunden anhielten. Da ist die Gefahr groß, eine Verhaltenskette aufzubauen bzw. diese weiter zu festigen. Deswegen war eben auch das Antistressprogramm und die Anpassung des Alltages so wichtig, um Filou von seinem Stresserleben runterzuholen.
Wir haben die Spaziergänge so umgestaltet, dass Filou ganz viel Zeit zum Schnüffeln und Schauen bekommt. Unsere Pausenangebote konnte er jedoch auch nach vielen Malen nicht annehmen. Initiierten wir einen Stillstand, waren immer alle Pfoten in Bewegung, als würde Filou auf heißen Kohlen stehen. Auch ein Hinsetzen aus eigener Motivation oder durch ein Signal war für Filou kaum möglich. Das bereitete mir großes Kopfzerbrechen, weil vor allem gestresste Hunde meist recht schnell das Pauseangebot mit Hilfe von Unterstützung gerne und dankend annehmen, auch wenn sie sich damit schwertun. Filou hingegen schien beim Stillstand regelrecht aus der Haut zu fahren.
Körperliche Auffälligkeiten
Bei Filou stachen mir jedoch zusätzlich noch körperliche Auffälligkeiten ins Auge, die mir ebenso keine Ruhe ließen: Ein tänzelndes Gangbild und ständiges Ausweichen der Leine, sobald diese Filous Hinterhand berührte. Stillstand war von einer zittrigen Hinterhand mit darauffolgendem Dribbeln der Pfoten geprägt. Ein Hinsetzen, auf Signal und aus eigener Motivation war kaum möglich. Im Gegenteil, denn dadurch wurde Filou noch hibbeliger und schos förmlich in die Höhe, wie ein Gummiball. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass Filou auch das Geschirranziehen als sehr stressig empfinde.
Tatsächlich „nur“ Schmerzen?
Da Filou auch schmerztechnisch bereits mehrfach durchuntersucht wurde, haben wir uns vorerst auf das Training konzentriert, in der Hoffnung, dass hier tatsächlich nur eine konditionierte Fehlverknüpfung im Hintergrund steht. Nachdem jedoch auch nach mehreren Trainingseinheiten nicht einmal ein Ansatz einer Besserung zu sehen war, wurde ein chiropraktischer Termin vereinbart, der jedoch erst in einigen Wochen stattfindet. Deswegen haben wir in Absprache mit der Tierärztin eine Schmerzmedikation gestartet, um den Schmerzverdacht auf drastische Weise ausschließen zu können. Das ist selbstverständlich kein gängiges Vorgehen, da auch Schmerzmedikationen nicht einfach so gegeben werden sollte.
Schmerzen beim Hund zu erkennen, ist ein gängiges Problem. Hunde sind einfach so gut geübt darin, Schmerzen zu maskieren. Erste Anzeichen hierfür sind meist über einen langen Zeitraum „nur“ problematische Verhaltensweisen. Darüber hinaus fehlt Tierärzten leider oft das Wissen über beschwichtigende Gesten, sodass vor allem feine Signale vom Tierarzt übersehen werden und Schmerzen beim Hund nicht erkannt werden. Aber zurück zu Filou… Die Schmerzmedikation wurde gestartet und bereits nach wenigen Tagen hat Filou begonnen, Ruheverhalten zu zeigen. Ein Hinlegen zuhause war für Filou auf einmal möglich. Auch das Geschirr anziehen war für Filou kein Thema mehr und draußen wirkte der Rüde auch um einiges entspannter. Ebenso war seine Aufregung bei Hundebegegnungen gut handelbar. Das war für uns das Zeichen, dass hier ein Schmerzgeschehen vorliegt, obwohl Filou beim Tierarzt nicht auffällig war. So wurde die Zeit bis zur Chiropraktik mit Schmerzmittel überbrückt, sodass Filou nicht unter Schmerzen auf Besserung warten musste.

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Vom Verdacht zur Diagnose – Hoch lebe die Chiropraktik
Bei der chiropraktischen Begutachtung wurde die Besitzerin informiert, dass Filous Gangbild sehr auffällig ist und in der Hinterhand eine große Schmerzthematik besteht. Als Verdacht wurden die Hüfte genannt. So wurde schnellstmöglich zu einer bildgebenden Diagnostik geraten. Diese wurde dann auch umgehend durchgeführt und das Ergebnis war eine schwere Hüftgelenksdysplasie. Filous Oberschenkelhalskopf wurde von seiner Hüftgelenkspfanne nicht mehr gehalten und schwamm sozusagen nur so hin und her. Das führte schlussendlich zu enormen Schmerzen, wodurch Filou den Ruhezustand nicht mehr ausgehalten hat und daher ständig in Bewegung war. Durch ständiges Anrempeln von anderen Hunden, verknüpfte Filou scheinbar auch die akute Schmerzthematik mit anderen Hunden, was vermutlich auch sein Problem mit anderen Hunden erklärte. Warum Filou zuhause im speziellen nur bei der Besitzerin solch ein extremes Verhalten gezeigt hat, kann ich nicht sicher sagen. Ich tippe aber darauf, dass durch den sicheren Hafen, den Frauli vermittelt hat, Filou kein Bedürfnis hatte, sich angepasst zu verhalten. Für Filou und seine Besitzerin bedeutete das fürs erste, regelmäßige Physiotherapie zum Muskelaufbau sowie Weiterführung der Schmerzmedikation.
Hätte man das auch ohne Chiropraktik feststellen können? Definitiv, ABER dafür müsste man wissen, welches bildgebende Verfahren sinnvoll ist UND VOR ALLEM in welcher Körperregion man suchen sollte. Und nachdem bereits mehrere Tierärzte Schmerzen mit Sicherheit ausgeschlossen hatten, war auch hier keine Indikation gegeben, eine Bildgebung zu veranlassen.
Lange Rede, kurzer Sinn
Wir sollten Problemverhalten unserer Hunde nicht einfach auf die leichte Schulter nehmen, nur weil es uns im Alltag vielleicht nicht stören mag. Das höre ich nämlich leider viel zu oft, wenn man aufzeigt, dass hier vielleicht Schmerzen beim Hund im Raum stehen, die das Verhalten erklären könnten, dass Mensch dieses Verhalten jetzt nicht unbedingt so sehr belastet und man sich daher nicht damit befassen möchte.
Auch wenn es uns als Menschen nicht stören mag, bedeutet Problemverhalten beim Hund, dass irgendetwas nicht in Ordnung ist. Die jeweiligen Situationen, in denen Hunde Problemverhalten zeigen sind für den jeweiligen Hund dennoch belastend. Natürlich müssen nicht immer Schmerzen im Hintergrund stehen. Aber das ist doch eigentlich völlig egal. Wichtig hier ist einfach, dem Hund seine Lebensqualität wieder zurückzugeben, indem man sich auf die Suche der Ursache macht und entweder medizinische Schritte einleitet oder mittels Hundetraining entgegenwirkt. Denn auch die Lebensqualität unserer Hunde müssen wir ebenso ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen wie unsere eigene. Das sind wir unseren Hunden schuldig.
Daher: Bitte schau nicht weg, wenn dein Hund sich unangemessen verhält. Im Gegenteil! Schau genauer hin und verharmlose nicht. Deinem Hund zuliebe!


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